Frank Kallensee "Laudatio - Jäten im Paradies"

"'Jäten im Paradies' ich will und kann hier niemandem das Nachdenken über diese Licht-Bild-Ton-Material-Installation abnehmen. Schauen, hören Sie selbst [...]
Trotzdem: Jäten im Paradies? Was denn? Ein Paradies ist paradiesisch, im Garten Eden wächst kein Unkraut. Oder wuchert es doch und wir sehen es erst, wenn die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt ist? Öffnen Sündenfälle unsere Augen für die nackten Tatsachen? Oder ist es umgekehrt? Müssen wir fällen, abschneiden, weghacken, damit unsere Welt bleiben kann, was sie ist: nicht die beste aller Welten, aber immerhin eine verbesserbare und sowieso die einzige, die wir haben?

Gerhard Göschel liefert keine Rettungsrezepte. Aber er äußert sich unmissverständlich darüber, was dieser Planet nicht braucht. 'Platzhirsche', die sich goldene Nasen verdienen, zum Beispiel.

Er malt sie aber auch, die mächtig mächtigen Bescheidsager. Er malt sie in Reihe hinter einem Abendmahlskonferenztisch à la Leonardo da Vinci, an dem sie gesichtslos 'Tabula rasa' machen. Das Bild hängt in der Hamburger Hauptverwaltung der Techniker

Krankenkasse. Vorstandsetagenkunst ist es nicht!

Diese Gattung verlangt nach schlechten Beobachtern und noch schlechteren Prognostikern. Gerhard Göschel guckt genau hin und vermag verblüffend zu antizipieren. Zum Beweis: Die Finanzkrise war 2009, seine Arbeit 'Und nun wieder Aktienkurse' datiert aus dem Jahr 2001.

Doch seine vielleicht schonungsloseste Stellungnahme zu den Verhältnissen, die nicht so sind, wie sie sein könnten, dürften die 'Mündigen Bürger' von 1993 sein. Denen fehlt zum Mündigsein vor allem eines: der Mund! Sie haben Nasen, mit denen sie den Braten womöglich noch riechen, aber wiederum keine Augen und Ohren, Wozu auch, ihre Köpfe sind verkabelt, was die Steuerung erheblich vereinfacht. Es ist ein Paradoxon, aber bei Werken wie den gerade aufgezählten, werfen die Schatten Lichter auf unser gegenwärtiges Dasein."

Laudatio zur Ausstellung "Jäten im Paradies" in der Kunsthalle Brennabor, Brandenburg an der Havel, 17. April 2010.

Herbert Schimer "Eröffnungsrede - Sei hellwach und träume"

"Über Gerhard Göschel ist in der Vergangenheit schon viel geschrieben und gesprochen worden. Das macht es nicht leichter, dem Gesagten neues hinzuzufügen, andere Aspekte seines künstlerischen Wirkens hervorzuheben. Besser ich erspare Ihnen den häufig strapazierten Begriff von der Herausforderung für den Laudator und beginne ganz konventionell mit dem biografischen Verweisen.

Gerhard Göschel hat in seinem Leben vieles ausprobiert. 1940 in Wiener Neustadt an der ungarischen Grenze geboren, zog es ihn über die Akademie-Stationen Nürnberg, Frankfurt am Main und Berlin 1994 schließlich ins Milower Land, wo er mit seiner Frau seit 2000 einen Dreiseithof bewohnt und mit der Galmer Hofkultur eine leuchtende Kulturadresse in Brandenburg geschaffen hat. So viel zum Geradlinigen.

Ungewöhnlich erscheint, dass Gerhard Göschel zwanzig Jahre künstlerisch pausiert hat. In dieser Zeit hat er eine Manufaktur für Gebrauchskunst betrieben, einen medizinischen Fragebogen entwickelt, Messekojen gestaltet und in der Berliner Geschichtswerkstatt lebende Bilder zur Zeitgeschichte inszeniert.

1989 erfolgte die Rückmeldung im Lager der freien Künstler. Auch wenn die politischen Veränderungen der folgenden Jahre eher wenig Einfluss auf seine künstlerische Arbeit nahmen, schien es doch so, als hätte es seit der Zusammenarbeit mit einem Musiker und einem Lyriker in der Nürnberger Gruppe 66 keine Unterbrechung gegeben. Geblieben waren aus der Vorachtundsechziger-Zeit die starke subjektive Beteiligung, die radikale Auseinandersetzung mit aktuellen Themen als auch eine objektive, distanzschaffende Gestaltgebung.

Nach wie vor gehen in den konstruktiven bis ornamental verschlungenen Objekten persönliche Erfahrungen und geschichtliche Reflexion, subjektives Erleben und objektive Sachverhalte, Individuelles und Allgemeines eine symbiotische Verbindung ein. Dem entspricht die Vielfalt der Formen und Farben, von Materialien und deren Oberflächen sowie deren gegenseitigen Bezügen, die aus Realität und Assoziation, aus abstrakten Erscheinungsbild und wiedererkennbaren Fragmenten jene Ambivalenz entwickeln, die Reiz und Faszination seiner Arbeiten ausmacht.

lm weiten Spektrum unterschiedlicher Materialien und bildhauerischer Strategien thematisiert er das komplexe Verhältnis von Körper und Umgebung als Träger seiner philosophischen und psychosozialen Anliegen, die er metaphorisch aufwertet, ohne dass die plastische oder poetische Qualität verlorengeht. Gemeinsam mit dem heterogenen Material, und dessen kompakten und transparenten Qualitäten kommen unerwartete Zusammenhänge ins Spiel, entwirft Göschel Denkmodelle zwischen Architektur und Skulptur. Wen wundert es da, dass der gedankliche Ursprung auf die immerwährenden Beziehungen der Menschen unter konkreten gesellschaftspolitischen Umständen verweist. Soziale, politische und ökonomische Themen und Interpretationen durchziehen, mal verschlüsselt und mal vordergründig plakativ, in jedem Fall aber leitmotivisch seine skulpturalen Arrangements.

Sei hellwach und träume! Der Titel der Ausstellung könnte ebenso gut für das Lebensmotto von Gerhard Göschel stehen. Als hochsensibler und kritischer Zeitgenosse, der Zustände und Erscheinungen nicht nur des politischen Alltags gnadenlos analysiert, ironische Reflexe herausfordernd platziert und mit schwarzem Humor ausstattet, leistet sich Träume von einer besseren Welt, wohl wissend, welch utopische Potential der Vergeblichkeit er damit mobilisiert.

Leicht zu erkennen an MAMMONS TEMPEL. Das aus Holz und Acryl akkurat konstruierte Objekt, das dem griechischen Vorbild eines Ipteros-Tempels nahekommt, ist mit Blattgold belegten lnnensäulen vollkommen zugestellt. Zutritt nicht erwünscht. Hier herrscht mit Mammon das Geld an sich. Weil Geiz und Habgier zu den verbreiteten menschlichen Eigenschaften

zählen hat Göschel mit dem Mammon-Tempel eine abgeschottete Trutzburg als Sinnbild ungleich verteilten Reichtums geschaffen.

Gerhard Göschel ein politischer Künstler? Eher einer, der keiner Mode nachläuft, der innovativ und zugleich vertraut mit der Kunstgeschichte den immerwährenden Fragen des menschlichen Daseins mit einer gewissen Enttäuschungsresistenz nachspürt. Einer, dem an penetranter Gesellschaftskritik wenig liegt, hingegen viel an reflektierter Kunst. Es ist durchaus vergnüglich, nachzuvollziehen, mit welchen realistischen lmpulsen und ikonografischen Mitteln er arbeitet, um, nicht selten versteckt hinter scheinbarer Harmlosigkeit, beim aufgeklärten Publikum bestimmte Rezeptionsmuster anzuklicken und in Frage zu stelle. Aufdecken, was sich zwischen ökonomischer Wertschöpfung und Rundum-Kapitalisierung tagtäglich in unsere Wahrnehmung schleicht.

Mittels Lupe verhilft er uns in den versammelten Weisheiten des Klappaltars von 2013 zu vielschichtiger Einsicht. Nicht ohne grimmigen Humor lenkt er u. a. unsere Aufmerksamkeit auf das bedrohliche Szenario der skrupellosen Goldman-Sachs-Bankverflechtungen, in das wir längst, gern auch ahnungslos, auf verhängnisvolle Weise verstrickt sind. Bildliche Darstellungen, die im religiösen Kontext zur Belehrung und Erhebung der Gläubigen dienen, wandelt Göschel um in nüchterne Kurzprosa und konfrontiert uns systematisch mit erfundenen Gedenk- und anderen Tagen, deren inhaltliche Bestimmung so manche alternativlose und ersatzreligiöse Losung aus unserem Alltag wachruft, als da sind: Tag der lückenlosen Verschleierung, Tag der kapitalistisch fabrizierten Barbarei oder Tag der banalisíerten Skandale oder der Richtlinienkompetenz. 65 Nachdenktage allein auf der geöffneten Sonntagsseite des hölzernen Altarretabels, wobei die Verkündigung zwischen unmissverständlichem Klartext und doppelbödigen Anspielungen schwanken.

Doch nicht nur bei diesem konkreten Objekt unterläuft Göschel mit dem zum Einsatz gebrachten Vekabular die Political Correctness. Mit großem Vergnüge: bringt er Alltagsbanalitäten mit semantisch aufgeladenen Überraschungseffekten zusammen, lässt konzeptuelle lndizes auf parallel gewichtete Deutungsebenen treffen, was, nicht zuletzt der Wiedererkennungseffekte wegen, eine produktive Rezeptionsspannung hervorruft.

So wie von der Architektur lässt Göschel sich auch weiterhin von anderen Künsten inspirieren. Jüngstes Beispiel hierfür ist das kinetische Lichtobjekt WASSERKREISEL, das als ästhetisches Gebilde der Veränderlichkeit aus LED hinterleuchteten Plexiglasstäben besteht, die sich in mehreren Kreisformen ausbreiten. WASSERKRElSEL auch deshalb, weil hier die wellenförmige Ausdehnung der Wasseroberfläche nach einem Steinwurf die geometrische Struktur vorgegeben hat. Licht als das eigentlich lmmaterielle wird in Göschels Raum zur Form, die in Kombination des Mediums mit grafischen und skulpturalen Elementen den Raum neu artikuliert und darüber hinaus eine meditative Dimension eröffnet. inspiriert wurde der Wasserkreisel übrigens vom gleichnamigen Streichquartett, das Jörn Arnecke anlässlich der Ausstellung in der Brandenburger Kunsthalle Brennabor 2010 komponiert und dem Künstlerpaar Göschel gewidmet hat.

Es gilt für die genannten wie von mir aus Zeitgründen sträflich vernachlässigten Objekte und Installationen von Gerhard Göschel, sich nicht nur an ihrer unaufgeregten Materialästhetik oder den formalästhetischen Statements zu erfreuen, sondern über die mehrfach bedeutsamen Zeichen, in denen sich Rationalität und Funktionalität unserer so genannten Wissensgesellschaft kolportiert wiederfinden, nachzudenken. ln diesem Sinne wünsche ich viel Vergnügen."

Eröffnungsrede Herbert Schirmer zur Ausstellung „Sei hellwach und träume“, Museumshaus Im Güldenen Arm, Potsdam, 3. November 2013.

Dr. Winfried Ranke "Eröffnungsrede - Ausstellung Gifhorn"

"MDH - was soll ich Ihnen erzählen von einem Künstler, der in diesen Zeiten aus Berlin nach Groß Oesingen umgezogen ist? Um wenigstens zu Beginn die Wahrheit zu sagen, muß ich gestehen, daß ich ihm davon abgeraten habe. Als er mir vor gut anderthalb Jahren eröffnete, er habe vor, aufs Land zu ziehen, war ich besorgt, dieser Umzug könnte seine gerade wieder so gut in Gang gekommene Produktivität stören. Den »neuen Göschel«, der sich mit einer Reihe bislang unbekannter Figuren zurückgemeldet hatte, konnte ich mir ohne die Bilderfülle und Ideenvielfalt der großen Stadt nicht vorzustellen.

In den Figuren steckt die Welterfahrung einer Person, die ihrer Neugierde keinen Zwang angetan hat, und die folglich nicht nur auf die erfreulichen Seiten der Menschen gestoßen ist. Hinter der reizvollen Perfektion der geglätteten, gemalten und geschliffenen Oberflächen wird ironische Gebrochenheit sichtbar. Solche Gestalten – dachte ich – kann nur einer in sich aufspüren, aus dem Fundus seiner Erfahrungen herausheben, der unter Stadtmenschen lebt und deren Abgebrühtheit und Verletzlichkeit, ihre Eitelkeiten und Sentimentalitäten, ihr Erfolgsbewußtsein und ihre streßbedingte Erschöpfung täglich erlebt.

Da gibt es eine Gestalt, die heißt »ganz innen«. Mit schmalen Streifen von elastischem Flugzeugsperrholz ist ein rundlich massiges Körpervolumen umrissen. Doch oben, wo sich der Kopf über Schultern erheben müßte, wo ein Mensch zu behaupten pflegt, daß er den aufrechten Gang beherrscht, da verlieren die Umrißleisten plötzlich ihre Spannung; sie erschlaffen und können die Last eines Kopfes nicht mehr aufrecht halten. Eine Gesichtsmaske ist nach hinten – über den Nacken – umgekippt und hängt kopfunter in den Körper hinein.

Was ist das? Einer, den sie vor den Kopf geschlagen haben? Einer, der seine Kopflastigkeit nicht mehr aushalten konnte? Ein Intellektueller, der seinem Anspruch, Sinn zu finden und zu sagen, nicht mehr gerecht wird? Oder der Künstler, der sich nach innen wendet, der in sich hineinhorcht, weil es draußen für ihn nichts mehr zu entdecken gibt? Ich will Ihnen das Rätsel dieser Sperrholzsphinx nicht lösen. Sie ist ja gerade deshalb interessant, weil jeder solche und andere Fragen an sie richten kann.

Ein anderes Stück ist »Vermessen« betitelt. Da steht ein hoher, rechteckiger Sockel, dessen bemalte Flächen stur und gleichmäßig aufgerastert sind – wie Hochhausfassaden. Und in den vielen kleinen Rechteckfeldern, die uns wie Fensteröffnungen erscheinen, tummelt sich – schemenhaft sichtbar – allerhand Menschlich-Ungezügeltes. Oben auf sind zwei Köpfe gesetzt: gipsweiße Masken – fast gesichtslos – unpersönlich. Sie sind eingespannnt in zwei aus Leisten gebildete rechte Winkel. Einer davon schiebt sich wie eine Meßlatte über den Scheitel des größeren Kopfes.

Ein, merkwürdiger Kontrast! Unten excessive Ungebärdigkeit hinter dem starren Raster der Fassaden – Aufruhr im Gefängnis!? Darüber zwei Köpfe, hervorgehoben wie Denker und Lenker, aber dem Diktat des rechten Winkels unterworfen – angepasst, verklemmt!

Wer oder was ist hier vermessen ? Die Menschen?, die Architektur?, das Leben? Der Titel ist doppeldeutig. Einerseits spielt er auf das Vermessenwerden an, auf maßstabgerechte Pläne und exakte Paßform von Bauteilen. Andererseits deutet er auch auf Vermessenheit, auf bedenkenloses Hochhinauswollen, auf Größenwahn und Turmbau-zu-Babel.

Stießen wir im Werk eines Schriftstellers auf solchen Doppelsinn, auf derlei zwiespältiges Sowohlals-auch, das es uns überläßt, für welche der möglichen Deutungen wir uns entscheiden, wir würden sagen: Bei dem muß man zwischen den Zeilen lesen! Das ist paradox, denn zwischen den Zeilen steht ja nichts geschrieben! Aber wir nehmen keinen Anstoß – solange von Büchern die Rede ist.

Doch warum sollte es bei Werken der bildenden Kunst eigentlich anders sein? Warum sollten nicht dort ganz genauso die Botschaften zwischen Motiven und Materialien, zwischen Figuren und Formen versteckt sein? An den neuen Arbeiten von Gerhard Göschel kann man lernen, daß es sich so verhält. Man muß sich nur einlassen auf die Widersprüche, Spannungen und Brüche, die in ihnen vielfach vorhanden sind.

Da sind aus Flugzeugsperrholz, einem Material, das für Tragwerke von größter Präzision und Leichtigkeit entwickelt wurde, voluminös gerundete Figuren entstanden. Aber trotz ihrer dicklichen Rundungen haben die wiederum gar keine Masse, da sie nur aus luftig-leerem Gitterwerk bestehen.

Diese aus biegsamem Holz plastisch geformten Gitter überspannt der Künstler häufig mit Glasfasergewebe, das mit Leim getränkt wird, so daß es sich mit den Händen modellieren läßt und schließlich, wenn es getrocknet und ausgehärtet ist, formstabile Oberflächen bildet.

Auf den Flächen kommt dann der Maler Göschel zum Zuge, und da zeigt er, was er vor langer Zeit gelernt hat und immer noch sehr gut beherrscht. Er tüpfelt und lasiert, legt mit Schleifpapier die Grundierung wieder frei oder schraffiert mit dem Stift hinein, um so Eindrücke von gespannter Haut, metallischer Glätte oder wolkig unbestimmter Durchsichtigkeit zu erzeugen. Gerade die Sockel und Untergestelle der Figuren, die dem Anschein nach von massiver Festigkeit sind, zeigen manchmal eine dunstig durchscheinende Malerei, die an der Massigkeit wieder zweifeln läßt.

Schaut man auf die Motive, so begegnet dem, der sich in der Kunstgeschichte ein wenig auskennt, allerhand Bekanntes. In der dreiteiligen Serie, die »Denkverlust« benannt ist, erinnert der Kopf mit der an Mund und Kinn gelegten Hand sofort an den zwischen 1890 und 1900 entstandenen »Denker« von Auguste Rodin. Doch während die grübelnde Gestalt des französischen Bildhauers noch Hoffnung auf ein der Menschheit dienliches Denkresultat gestattete, kommt bei Göschel die denkende Person sich selbst abhanden. Göschels Denker ist ein Nihilist!

Die drei schräg nach oben stoßenden, hintereinander montierten Masken mit den rückseitig angesetzten Flügeln lassen an einen Menschen denken, der sich hoch aufgeschwungen hat, der aber nun vor einem unsichtbaren Hindernis ruckartig, in Schüben zurückweicht. Der Titel »Zu nah an der Sonne« bringt uns auf die Spur: Hier geht es um die alte, in den Bildkünsten oft bearbeitete Geschichte von Daedalos und Ikaros.

Gefangen im ausweglosen Labyrinth auf Kreta findet der kluge alte Daedalos doch noch eine Möglichkeit zur Flucht. Aus Adlerfedern und Wachs baut er für sich und seinen Sohn Flügel, mit denen sie durch die Luft entkommen können. Als der Vater dem Sohn die Flügel anlegt, warnt er ihn eindringlich, er solle sich von der Sonne fernhalten; wenn das Wachs, mit dem die Federn befestigt wurden, in der Sonnenhitze weich werde, würden sich die Flügel auflösen. Doch Ikarus, der junge, leichtsinnige Draufgänger, flog zu nah an die Sonne – und stürzte zu Tode.

Eine Geschichte, an die in unseren Tagen gewiß mit guten Gründen erinnert werden kann. Müssen wir doch fürchten, daß wir uns längst schon zu weit hinausgewagt haben, und daß uns eine weiche Landung vielleicht schon. nicht mehr gelingen kann. Von den vielen sorgenvollen Gedanken, die sich in diesem Zusammenhang sofort einstellen, steckt bestimmt einiges in der Figur »Zu nah an der Sonne«. Allerdings war für mich sehr irritierend, daß Gerhard Göschel den Mythos von Daedalos und Ikaros gar nicht präsent hatte, als ich ihn vor einiger Zeit darauf ansprach.

Ich glaube ihm, daß ihm davon nichts bewußt war, denn diese Unwissenheit ist typisch für ihn. Das ist keine Ingnoranz, sondern echte künstlerische Naivität: Er hat es, aber er weiß es nicht. Er ist kein Intellektueller, der alles im Kopf hat, und er ist schon gar kein missionarischer Mahner, der alles, was ihm einfällt, gleich predigend weitersagen will.

Einfälle und Erinnerungen kommen bei ihm von ganz innen. – Aus dem Bauch, sagen wir salopp. – Wenn sie als Begriffe und logisch gebaute Sätze in seinem Bewußtsein ankommen, sind sie vermutlich

für die künstlerische Arbeit völlig unbrauchbar. Melden sie sich aber als Bilder, kann seine Phantasie sie aufgreifen und sein Formgefühl kann sie kneten und modellieren. Er denkt dann mit den Händen.

Das klingt wie eine alte, ehrfürchtige Künstlerlegende aus ferner Vergangenheit. Ich gebs ja zu, daß ich Ihnen da mit ganz altmodischen Sachen komme. Wir diskutieren darüber, wie unterhaltsam oder beängstigend die 36 Fernsehprogramme sind, die wir uns über Sattelit und Kabel in Haus und Hirn holen können. In Hannover ist gerade einmal wieder »cebit time«. Und ich rede hier davon, daß einer mit den Händen denkt! Aber ich würde ihnen ja auch nicht mit solchen Zumutungen kommen, wenn man dieses merkwürdige Phaenomen nicht an den Bildwerken bestätigt finden könnte.

Hier im Erdgeschoß steht die dreiteilige Arbeit »online – offline«. Auf den Bildtafeln im Hintergrund sieht man rechts Gestalten, die sich einem großen Schwadronierer in der Mitte zuwenden; von diesem gehen verschlungene Botschaften aus, die sich wie Binden über die Augen der Menschen legen, sie blind machen. Links taucht wieder eine alte Kunstfigur auf, das auf einen Sockel gehobene, von Menschen umschwärmte »Goldene Kalb«, Symbol für Verblendung und Götzendienst. Soll man da etwa nicht an mediale Bewußtseinsverwirrung und mediengeile Politiker denken?

Vor den Bildtafeln stehen zwei Figuren. Von einem Kopf mit vier Mündern gehen Befehlsstränge aus, die – furchterregend und albern zugleich – vier Stiefel in Bewegung setzen. Wartet man davor auf die fälligen Assoziationen, dann gehen einem bald Schlagworte durch den Kopf wie »verkabeltes Bewußtsein«, »globale Vernetzung«, »ferngesteuertes Verhalten« oder »telegene Gewalt«.

Gegenüber steht auf etwas höherem Sockel ein Kopf mit nur einem Mund, aus dem eine große rote Zunge hervorragt. Das könnte der sein, der oben ist und das Sagen hat. Aber vielleicht auch der, der sich gegen all die Einflüsterungen der Medien und Meinungen abschirmt, der auf Kabelanschluß und Datenverbund verzichtet und deshalb noch eine eigene Meinung hat – und sie auch aussprechen kann.

Als ich Bildtafeln und Figuren zum ersten Mal sah, waren sie – viel ungünstiger als hier – in Göschels Wohnzimmer plaziert. Gleichwohl regten sie die damals geladenen Gäste zu lebhafter Diskussion an. Es fielen die hier genannten Schlagworte und sie wurden mit noch viel mehr Einfällen und Assoziationen verknüpft. Da einige der Debattierer auch schon ihren PC zu Hause stehen hatten, kamen wir auch auf Probleme der Datenverarbeitung und -vernetzung und die in dem Zusammenhang gebräuchlichen Begriffe »online« – offline« (angeschlossen und abgeschaltet). Schließlich bildete sich übereinstimmend die Meinung, mit eben diesen Begriffen könne man die noch namenlose Gruppe sehr treffend bezeichnen. Wir fanden das in Ordnung und waren zufrieden.

Und nun die Moral von der Geschicht: Gerhard Göschel hatte unserer Diskussion aufmerksam zugehört. Er sagte nicht viel, aber es schien ihn zu freuen, daß uns so viel zu seiner Arbeit einfiel. Einige Zeit später teilte er mir jedoch mit, daß er mit dem Titel nicht besonders glücklich sei. Ich fragte ihn nach Gründen, und er antwortete mir: »Der Titel paßt nicht zu mir. Ich kann gar nicht so gut Englisch, und von Computern verstehe ich überhaupt nichts!«

Bitte sehr! Er hat’s, aber er weiß es nicht! Er denkt mit den Händen! Ich kann’s weder mir noch Ihnen besser erklären. Er ist einer von denen, über die Ulrich Horstmann gesagt hat: »Kunst kommt aus der Innenwelt der Außenseiter. Nur wer nirgendwo zuhause ist, bringt es fertig, sich zwischen den Zeilen einzunisten.«

Es ist nun wohl nicht mehr nötig, aber ich gestehe es gern, daß ich mich irrte, als ich meinte, der Künstler sei auf die große Stadt angewiesen und solle doch gefälligst in Berlin bleiben. Einer, der eine Innenwelt voller Bilder mit sich herumträgt, der braucht weder gelehrte Bibliotheken noch eine schräge Szene. Der muß vielmehr froh sein, wenn er der Bilder, die auf ihn eindrängen, mit seinen talentierten Händen noch Herr werden kann. Dazu wiederum können die Zeichnungen, die hier unter dem Serientitel »Dämonische Bedrängnis« präsentiert werden, einiges mitteilen. Die sind nämlich allesamt in Groß Oesingen entstanden. Und das ist schon wieder eine ganz merkwürdige Geschichte.

Wenn alles seine Ordnung hat – denkt man – dann geht ein Künstler zu Werke wie ein Ingenieur: erst werden Entwürfe gezeichnet, und dann wird danach die Maschine oder das Bildwerk gebaut. So zu verfahren wäre zumindest zweckmäßig, und da wir uns jeden Tag möglichst zweckmäßig verhalten müssen, übertragen wir unsere Zweckrationalität auch auf Vorgänge, die nach ganz anderen Regeln funktionieren.

Kunst will mit Zwecken nichts zu tun haben. Sie kann nicht nur, sie muß auch manchmal das Dach des Hauses zuerst bauen und die Pferde von hinten aufzäumen. Niemand sollte aber denken, es sei immer nur ein willkürlicher Spaß, wenn sich ein Künstler so gegen die im Alltag funktionierenden Regeln verhält. Oft kann das quälender Ernst sein, weil auch in unseren aufgeklärten Zeiten manches immer noch so abläuft, wie es der alte Goethe in seiner Ballade vom »Zauberlehrling« geschildert hat. Dort heißt es: »Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister, / werd ich nun nicht los.«

So ähnlich muß es auch Künstler Göschel gegangen sein, als er an der – drüben in der Sparkasse ausgestellten – Figur »Stellvertreter« arbeitete. Das ist ein rätselhaftes Gebilde, das in höchst labilem Gleichgewicht auf vielgliedrigen, insektenhaft dünnen Beinen steht; an einen wulstigen, vorgeneigten Rumpf oder Kopf ist eine Art Gewehr montiert, das gegen den herantretenden Betrachter gerichtet ist. Warum es »Stellvertreter« heißt, und wen oder was es vertritt, habe ich auch noch nicht herausgefunden.

Aber das finde ich auch nicht so wichtig. Viel spannender ist sich anzuschauen, wie diese etwas künstlich ausbalancierte Figur sich verselbständigt hat und in vielfältigen Mutationen die Zeichenblätter bevölkert. Sie haben nämlich etwas sehr Beunruhigendes, diese wuseligen Wesen von sehr wandelbarer Gestalt, die mal mit eigenartigen Gewehren aufeinander zielen, mal in Horden gegeneinander anrücken, mal als Beherrschende eine unbewaffnete Masse unterdrücken; die erst wie fremdartige Insekten aussehen und sich dann so verändern, daß man an Hirne mit ganglienhaft strampelnden Beinchen denken muß; und die dann tatsächlich auch vorgeführt werden, wie sie sich aus Köpfen lösen und davonmachen.

All diese rätselhaften Gestalten, mit denen der Zeichner ein Blatt nach dem anderen vollschreiben mußte, sind - wie Gerhard Göschel bestätigt – erst Abkömmlinge und Nachfahren jener Figur des »Stellvertreters«. was sie alles bedeuten könnten, darüber mag man lange grübeln – oder auch nicht. Daß sie aber in ihrer Masse und in dem dichten Nacheinander, in dem die Zeichnungen offensichtlich entstanden, für den Künstler eine dämonische Bedrängnis waren, das scheint mir sichtbar und verständlich.

Dem Künstler bleibt nichts anderes übrig, als den Bildern, die aus der Innenwelt des Außenseiters hervordrängen, eine Gestalt zu geben, die er als Bildwerk aus sich heraus setzen kann. Und wenn das dann ausgestellt wird, dann bleibt uns Zuschauern nichts anderes übrig, als dem Bildwerk offen und neugierig gegenüberzutreten. wenn wir uns auf die Kunstgebilde einlassen, wird diese Konfrontation nicht immer angenehme und heitere Empfindungen in uns wecken. Aber es wird sicher interessant sein, und wir können vielerlei über uns und die Welt erfahren, das in Worten kaum zu sagen ist. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen in dieser Ausstellung von Arbeiten Gerhard Göschels ein nachdenkliches Vergnügen."

Dr. Winfried Ranke, Kunsthistoriker Eröffnungsrede zur 1. Ausstellung nach dem Wiederbeginn der Arbeit ausschließlich als freischaffender Künstler.
"Gerhard Göschel - Arbeiten (1989-1993)",
25. März 1993 im Foyer des Kreishauses II des Landkreises Gifhorn